Teil 6: offener Brief an Schäfer-Gümbel

Nach widersprüchlichen Aussagen verschiedener Mitglieder der hessichen SPD und dem aktuellen Schlingerkurs von Herrn Schäfer-Gümbel zum Beispiel in den folgenden Medien

http://www.allgemeine-zeitung.de/politik/hessen/fsc-zertifizierung-des-staatswaldes-der-ton-wird-rauer-das-thema-politischer_18481744.htm

http://www.fr.de/rhein-main/landespolitik/waelder-in-hessen-spd-lobt-waldsiegel-a-1423125

haben wir am 25.01.2017 den folgenden offenen Brief versendet:

Anschreiben Schäfer-Gümbel

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Sehr geehrter Herr Schäfer-Gümbel,

leider müssen ich Sie aufklären, dass Sie bezüglich des FSC falsch informiert worden sind.
Möglicherweise sind Sie vom NaBu, BUND, WWF, Greenpeace oder einer ähnlichen
Organisation unzureichend aufgeklärt worden. Diese Organisationen mögen in anderen
Angelegenheiten des Umwelt- und Naturschutzes zwar gute Informationsquellen darstellen.
Im Falle des FSC sind sie jedoch parteiisch, da sie selbst massiv vom FSC profitieren,
beispielsweise durch Drittmittel. Gleichzeitig haben Sie das FSC-System seit seiner
Gründung unterstützt und können sich nun, da seine Schwächen immer mehr offenbar und
auch öffentlich kritisiert werden, nicht mehr dagegen wenden ohne ihre Glaubwürdigkeit zu
verlieren.

Ihre Forderung, Hessen solle seine Wälder nachhaltiger bewirtschaften lassen, ist zunächst
löblich. Bedauerlicherweise stellt der FSC hierfür jedoch ein ganz und gar unzureichendes
Instrument dar. Er garantiert mitnichten Nachhaltigkeit und ist, übrigens auch nach eigener
Aussage, auch kein Ökosiegel.

Wenn Sie sich von einem unabhängigen Waldökologen (also einem, der weder direkt noch
indirekt vom System profitiert) beraten lassen wird dieser Ihnen bestätigen, dass das FSC
Siegel absolut keinen Mehrwert für die Verbesserung der nachhaltigen Waldbewirtschaftung
darstellt. Ebenso werden Sie kaum einen Holzhändler finden, der sich mit der Materie
auseinander gesetzt hat und ehrlich hinter dem System steht. Abgesehen von solchen, die es
nutzen um beispielsweise bedenkliches Holz aus Urwäldern über den FSC zu waschen und
es fälschlicherweise als nachhaltig geerntetes Holz zu verkaufen.
Weiterhin empfehlen wir die Lektüre der „Vergleichenden ökonomischen und ökologischen
Bewertung der schrittweisen FSC Zertifizierung im Hessischen Staatswald“ durch den
Landesbetrieb HessenForst AöR. Diese finden Sie beispielsweise auf unserem Blog:
http://www.fragen-an-den-fsc.de/?p=1037.

Im Folgenden erlauben wir uns nur auf einige wenige Probleme der Zertifizierung näher
einzugehen:

1. Rückegassenabstände:
Durch die Zertifizierung werden die Rückegassenabstände in den betroffenen Wäldern von
20 auf 40m erhöht. Das klingt zunächst danach, als würde der Schaden am Wald hierdurch
geringer gehalten. Tatsächlich basiert diese Forderung jedoch weder auf einer fundierten
Analyse aus der Praxis noch auf wissenschaftlichen Erkenntnissen. Es wird einfach
unterstellt, dass größere Abstände nachhaltiger seien. Stellen Sie sich jedoch vor, was das in
der Praxis bedeutet, erstens muss doppelt soviel Holz über die Hälfte der Rückegassen
abtransportiert werden, was zu einer viel höheren Belastung derselben führt.
Viel schwerwiegender ist jedoch, dass bei der Bewirtschaftung durch die weiteren Abstände i.
d. R. motormanuell zugefällt werden, was neben deutlich höheren Schäden am Bestand auch
ein erheblich höheres Sicherheitsrisiko für die Waldarbeiter darstellt. (siehe hierzu
Forst&Technik 9/2017 S. 20 ff) Somit stellt sich grundsätzlich die Frage der Sinnhaftigkeit
dieser Forderung – zumal sie damit geltendem Arbeitsrecht entgegensteht.

2. Pestizideinsatz:
Das Gleiche gilt für das generelle Pestizidverbot im Wald. Auf den ersten Blick scheint es
eine plausible Forderung zu sein. Allerdings war der Pestizideinsatz in deutschen Wäldern
immer schon marginal und stellte unter Waldschutzgesichtspunkten die Ultima Ratio dar. Im
Falle von Kalamitäten, z. B. durch Insekten, nach großen abiotischen Schadereignissen wie
Stürmen, kann der Pestizideinsatz jedoch durchaus sinnvoll sein, um weitere großflächige
Waldzerstörung zu unterbinden. Für diesen Fall greift der FSC auf eine Art
„Ausnahmegenehmigung“ zurück, die gegen Zahlung einer Gebühr vom Pestizidverbot
befreit. Dementsprechend ist die FSC-Pestizidrichtlinie ebenso plakativ wie unproduktiv,
aber eine weitere Einnahmequelle für den FSC.

3. Flächenstilllegung:
Lokale Bewirtschaftung, die global gedacht werden muss – eine schwierige Diskussion.
In Deutschland sollen 5% der Waldfläche stillgelegt, also künftig von der Bewirtschaftung
ausgeschlossen werden. Das sind ca. 600.000 Hektar, die einem jährlichen Einschlag von ca.
4 Mio. m³ Holz entsprechen. Das klingt erst einmal nach einer guten Idee für Umweltschutz
und Nachhaltigkeit. Fakt ist jedoch, dass die fehlende Menge Holz deshalb nicht einfach
wegfällt sondern ersetzt werden muss – in der Regel mit Holz aus borealen Wäldern
(winterkalte Wälder z. B. in Russland).
Um die Dimensionen klar zu machen muss man wissen, dass in Deutschland pro Jahr und
Hektar im Durchschnitt 11 m³ Holz nachwachsen. Im borealen Wald ca. 1 bis 1,5 m³, also
um den Faktor 10 weniger. Letzteres äußert sich auch in den Vorräten pro Hektar. Diese
liegen, bezogen auf die mit hiebsreifen Beständen bestockten Waldflächen bei 36 m³ pro
Hektar. Im Klartext heißt das, um die bei uns durch Flächenstilllegungen eingesparte
Holzmenge zu ersetzen, muss z. B. in Russland, jährlich eine Fläche in der Größe von knapp
121.000 Hektar kahlgeschlagen werden, eine Fläche die größer ist als die des Landkreises
Wetterau.
Von weiteren negativen Auswirkungen auf die Umwelt wie das Auftauen der
Permafrostböden mit einhergehender Ausgasung von Methan (das 400 Mal klimawirksamer
ist als CO2) ganz zu schweigen. Ebenfalls nicht berücksichtigt wurden die massive
Erhöhung der grauen Energie z. B. für die Überwindung einer erheblich höheren
Transportentfernung und die damit einher gehenden ökologischen Folgen.
So führt das Experiment „Wildnis wagen“ durch Unterschutzstellung von hiesigen
Wirtschaftswäldern zur Vernichtung echter Primär(Ur)wälder in der nördlichen Hemisphäre.
Und der Verbrauch von Holz nimmt tendenziell weiter zu.
Ginge es nach dem FSC so würden aus den 5% Flächenstilllegung 10% werden, das heiß die
zuvor geschilderten Auswirkungen würden sich verdoppeln!

4. Inkonsequenz
Der FSC arbeitet mit Länderstandards. Diese werden von den Länderarbeitsgruppen – in
denen können ausschließlich örtlichen Interessenvertreter sitzen – erarbeitet, unterscheiden
sich also dementsprechend stark voneinander. Insofern ist die Verwendung des Begriffs
Standard an dieser Stelle eigentlich nicht korrekt, da er eine Einheitlichkeit impliziert die de
facto nicht gegeben ist. Eine Folge hiervon ist, dass beispielsweise in Deutschland (dem
Land mit dem wohl „strengsten“ Standard) sowohl Kahlschläge als auch Pestizide
grundsätzlich verboten sind. In Schweden darf hingegen eine beliebig große Fläche kahl
geschlagen werden. Wieso in Südschweden (nach dem FSC Standard) erlaubt ist, was in
Schleswig-Holstein oder Dänemark (gleiche klimatisch-geographische Begebenheiten) zu
einem Gefängnisaufenthalt führen würde, ist hierbei völlig unersichtlich – siehe mangelnde
Wissenschaftlichkeit, einen Absatz weiter.

5. Wissenschaftliche Basis
Die nicht vorhandene wissenschaftliche Basis der FSC-Regularien kann an verschiedensten
Beispielen verdeutlicht werden. So unterscheiden sich die oben genannten Standards an
politischen, nicht an ökosystemaren Grenzen. Dass das jeder wissenschaftlichen
Sinnhaftigkeit entbehrt ist offenkundig. Folgerichtig gibt es keinen wissenschaftlichen
Beirat- weder in den Arbeitsgruppen, noch im Mutterkonzern, noch in den einzelnen
Kammern.

6. Soziale Nachhaltigkeit
Der FSC schreibt, er wolle „umweltgerechte, wirtschaftlich tragfähige und sozial
förderliche“ Waldbewirtschaftung garantieren. Von sozialer Nachhaltigkeit kann jedoch beim
besten Willen nicht gesprochen werden, wenn zum Beispiel die oben bereits erwähnte
Erhöhung der Rückegassenabstände völlig ohne Berücksichtigung der Folgen für die
Arbeiter durchgesetzt wird.
Auch von einer basisdemokratischen Struktur, die Sie als SPD doch fordern müssten, ist der
FSC weit entfernt. Zwar sieht er vor, stakeholder an Entscheidungen über
Waldbewirtschaftung zu beteiligen. Allerdings handelt es sich hierbei für einen Großteil der
FSC-zertifizierten Flächen um Bewohner von Primärwäldern, die „schlecht erreichbar“ sind
– der Wald hat kein Telefon. Die dort lebenden Menschen wissen oft gar nicht, dass ihr
Lebensraum abgeholzt werden soll. Manche hatten nie Zugang zu westlicher Bildung,
geschweige denn zu Medien. Also verpassen sie die deadlines, sind von Konsultationen
ausgeschlossen und dementsprechend nicht an der Entscheidungsfindung beteiligt. Was in
vielen Fällen bedeutet, dass ihre Umgebung für immer zerstört wird. Spätere Proteste, wenn
die zertifizierten Arbeiter mit den Bulldozern anrücken, verhallen ungehört.
Auch die Einteilung in ein Dreikammersystem ist zwar grundsätzlich eine gute
demokratische Idee, kann jedoch niemals funktionieren, solange jede Kammer immer ein
Veto einlegen kann. So kann die Wirtschaftskammer beispielsweise Entscheidungen solange
boykottieren, bis sie zu Ihren Interessen passen. Die soziale Nachhaltigkeit bleibt bei dieser
Kompromissfindung – ebenso wie die ökologische – auf der Strecke.

Diese Liste könnte noch beliebig fortgeführt werden, wir wollten jedoch nur schlaglichtartig
auf die Fehlannahmen bezüglich des FSC hinweisen. Für weitere Informationen können Sie
uns jederzeit gerne kontaktieren.

Wie sie möglicherweise schon aus vorherigen Anschreiben an verschiedene Politiker in
Hessen entnommen haben, engagieren wir uns seit Jahrzehnten mit Holz und Waldschutz.
Dementsprechend stellen wir uns die Frage: Wie steht die SPD zur FSC-Zertifizierung? Und
wie wird sie in Zukunft dazu stehen – nicht nur, aber vor allem im hessischen Landesforst?
Für uns ist der Kampf gegen die Umweltzerstörung und Verbrauchertäuschung des FSC
unabdingbar. Ein Ablasshandel, in dem Primärwälder zugunsten des Überlebens von NGOs,
die sie eigentlich retten sollten zerstört werden, ist nicht akzeptabel.

Mit freundlichen Grüßen,
Arbeitsgruppe Fragen An Den FSC

2 thoughts on “Teil 6: offener Brief an Schäfer-Gümbel”

  1. Leider fehlt in Ihrem Artikel/Anschreiben die Feststellung, daß durch das Bundeswaldgesetz sowie die Landeswaldgesetze schon seit deren Bestehen größter Wert auf Nachhaltigkeit gelegt wird, ein Begriff der ja aus der deutschen Forstwirtschaft stammt. Gerade unsere Gesetzgebung sichert seit mehreren hundert Jahren genau das,was insbesondere der FSC für sich reklamiert nämlich eine „umweltgerechte, wirtschaftlich tragfähige und sozial
    förderliche“ Waldbewirtschaftung zu garantieren”; das klingt immer so, wie wenn dies durch unsere Deutschen Gesetze und Verwaltungsvorschriften sowie Durchführungsverodrnungen nicht geregelt sei. Genau das ist ja schon lange bevor es einen FSC oder PEFC oder eine sonstige Zertifizierungen gab längst gesetzlich sichergestellt; woher denken denn diese Leute, daß unsere wertvollen – insbes. auch in ökologischer Sicht – Waldbilder und Wälder in Deutschland kommen?? Doch nicht von denen, die Slebstverständlichkeiten fordern. Nach alten forstlichen Traditionen wurde gewirtschaftet und wertvollste Waldbestände herangepflegt, wo dies möglich war, forstlich über Jahrhunderte und viel Erfahrung über Förstergenerationen hinweg. Bis auf die vergangenen 20 Jahre zugegebenermaßen die “Möchtegernförster und ScheinÖkologen” immer mehr das Ruder in die Hand bekommen haben vom Handwerk Forstwirtschaft keine Ahnung gescheige denn praktische Erfahrungen nachzuweisen imstande sind, wurde mit Instrumentarien wie “FFH ” und viel Steuergeldern die Verjüngung von wertvollen Eichenbeständen dem Dauerwaldgedanken geopfert. Mitnichten ein ökologischer Erfolg ganz im Gegenteil. Davon spricht heute niemand, da nicht sein soll, was nicht sein darf. Verwiesen sei dabei auch auf ein gutachten bzw. eine Stellungnahme von Minister aD. Dr. Sinner zum geplanten Nationalpark Spessart, der den sicheren Tod genau der wertvollsten Eichenbestände Mitteleuropas bedeuten würde, die diese Helden des Umwelt- und Naturschutzes schützen bzw konservieren wollen. Greenpeace und Konsorten gut und recht, aber diese Leute sollten sich halt nur dort einmischen, wo sie wirklich was verstehen und langjährige praktische Erfahrungen nachweisen können – Bauchgefühl alleine reicht halt nicht aus, um fachlich fundiert auftreten zu können. Was besonders schockiert ist die Dreistigkeit, wie man die Folgen seines Tuns hier ausklammert mit dem was im Ausland die direkte Folge ist, an bspw. Raubbauten im borealen (echten) Primärwäldern, die genau diese Leute bei bei uns zu massenhaften Proteststürmen auf die Straßen treiben würde.

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