Nichtderbholznutzung

 

Nicht alle Teile des Baumes können nach der Ernte gleichermaßen holzwirtschaftlich verwertet werden. Aus dem Wald heraus transportiert und verarbeitet wird nur das sogenannte Derbholz, also oberirdische Holzmasse mit einem Zopfdurchmesser20 von mindestens 7cm (Durchmesser inklusive Rinde). Das, was verbleibt, sind Waldrestholz und Nichtderbholz das zumeist aus Kronenmaterial besteht. Dieses wird aktuell zum Beispiel für die Energiegewinnung in Biomasse (heiz)kraftwerken verwendet. Der Landesbetrieb HessenForst hat die Rohholznutzung in einer Präsentation auf dem Kulturholzforum Wiesbaden 2013 21 veranschaulicht:

 

 

Der FSC-Standard 3.0 fordert, dass (entgegen der bisherigen Praxis)

„Nichtderbholz in der Regel im Wald [verbleibt]. Die Nutzung von Nichtderbholz ist auf folgende Fälle beschränkt: Nutzung aus einem Gassenaufhieb; nur bei Ersterschließung.“

Trotzdem wird suggeriert, dass die FSC-Regelung eine ökologische Aufwertung bedeutet. Wir müssen dem deutlich widersprechen, es handelt sich hier im Gegenteil um eine völlig sinnfreie Ressourcenverkürzung, die die Nährstoffmanagementsystemregelung der deutschen Wälder ad absurdum führt. Zudem muss betont werden, dass die vom FSC unterstellte Vollbaumnutzung so nicht stattfindet. Tatsächlich ist eine Entnahme von Nichtderbholz auf schlecht mit Nährstoffen versorgten Böden, basierend auf den Nährstoffmanagementsystemen, gar nicht vorgesehen. Ganz im Gegenteil beweist eine aktuelle Studie des Bundesamtes für Naturschutz, dass es keine signifikanten Auswirkungen gibt. Trotzdem liegt diese Annahme der ganzen weiteren Diskussion um Nichtderbholznutzung zugrunde. Hierbei bleibt zu klären, inwieweit überhaupt eine „Aufwertung“ des Bodens stattfindet und inwieweit das für das Ökosystem/die Biodiversität positiv ist. Die simple Annahme eines linearen Zusammenhanges zwischen dem Nährstoffgehalt und dem „ökologischen Wert“ eines Ökosystems ist in jedem Fall zu kurz gegriffen. So stellen auch devastierte  Waldböden aus Weidennutzung und Plaggenhau beispielsweise eigene Biotope mit entsprechend “ökologisch hochwertiger“ Flora und Fauna dar. Tatsächlich finden sich im Falle eines ausgeglichenen Nährstoffangebotes weniger Arten als im Falle einer Verknappung. Angenommen, es könnte tatsächlich von einem ökologischen Mehrwert des Nichtderbholz-Nutzungsverbotes für den direkten Standort gesprochen werden. Dann bleibt das Problem, dass die oft angenommene Trennung von Derbholz und Nichtderbholz wirtschaftlich nicht darstellbar, da sie manuell vorgenommen werden muss und dementsprechend zeitintensiv und teuer ist. Tatsächlich verbleibt die gesamte Krone inklusive wesentlicher Anteile an Derbholz (ca. 20–30% des Baumes) im Bestand. Die im Bestand verbleibenden Laubholzkronen erschweren außerdem die Zugänglichkeit und erhöhen das Unfallrisiko für die Waldarbeiter im erheblichen Maße (Fällung → Rückweiche, Pflegearbeiten, etc.).

Weiterhin lässt der FSC hier sämtliche globale Perspektiven außer Acht. Wenn die lokalen, regenerativen Ressourcen (Biomasse, Waldrestholz) nicht genutzt werden können, so muss wiederum importiert, oder schlimmer noch, substituiert werden. Letzteres ist aufgrund der niedrigen Preise fossiler Brennstoffe die Regel. Im Klartext heißt das, dass regionale nachwachsende Energieträger durch fossile importierte Energieträger ersetzt werden – mit allen damit einhergehenden negativen Folgen für das Klima.

Wir möchten dies an einer kurzen Rechnung für den hessischen Staatswald verdeutlichen:

HessenForst betreut etwa 340.000 ha Staatswald. Unter Berücksichtigung der Trophie und basierend auf dem in Hessen angewendeten Nährstoffmanagementsystemen, ungefähr 20 % von 1,8 Efm / ha / a × 340.000 ha × 0,2 = 122.000 Efm /a für die klimabilanzneutrale Energiegewinnung aus Hackholz verfügbar. Mit der FSC-Forderung nach einem Verzicht auf Nichtderbholznutzung werden stattdessen fossile Brennstoffe, die eben nicht klimaneutral sind, für die Energiegewinnung herangezogen – 610.000 t im Jahr. Die alternative Nutzung fossiler Brennstoffe ist dementsprechend sicherlich weder von stakeholdern noch von Entscheidungsträgern
beabsichtigt, wurde und wird allerdings auch nie in einen Zusammenhang mit den FSC-Forderungen diskutiert.

Im Übrigen muss an dieser Stelle angemerkt werden, dass Nichtderbholznutzung nur im deutschen Standard untersagt ist, im schwedischen Standard beispielsweise jedoch genau das Gegenteil – die Totalräumung – gefordert wird. Dementsprechend kann sie als eines der “Kernkriterien“ der „FSC-Nachhaltigkeit“ weder in Deutschland noch weltweit akzeptabel sein.

Mit dem konsequenten Verbot der Nichtderbholznutzung wird den Förstern außerdem unterstellt, ihren eigenen Wald nicht angemessen zu bewirtschaften. Es ist im Interesse jedes Waldbesitzers/-bewirtschafters, ihn so zu nutzen, dass er langfristig gesund und ertragreich bleibt. Dies gilt insbesondere für den Boden, denn der Waldboden stellt neben den klimatischen Bedingungen die wichtigste Produktionsgrundlage dar; im Gegensatz zu landwirtschaftlichen Flächen erfolgt im Wald keinerlei kompensierende Einflussnahme in Form von Düngung. Dementsprechend kann davon ausgegangen werden, dass wirklich nur das entnommen wird, was „entbehrbar“ ist. Der FSC scheint zu unterstellen, dass Waldbesitzer, unabhängig von der Besitzart, ausschließlich ihren finanziellen Erlös im Sinn haben und deshalb den Wald kategorisch zugrunde richten würden. Das mag in anderen Regionen und politischen Systemen dieses Planeten der Fall sein, für Deutschland trifft dies jedoch nicht zu – siehe Blogartikel zur Flächenstilllegung.

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