Generelles Pestizidverbot

Auch zu diesem Thema suggeriert der FSC, dass ohne sein Eingreifen unverantwortlich gehandelt werde – in diesem Fall also große Mengen Pestizide ausgebracht werden würde. Er begreift sich als Erfinder des bedachten Pestizideinsatzes. Nach der Kalamität Anfang 2018 haben jedoch beispielsweise immer mehr Forstämter49 Anträge für Ausnahmen von diesem Verbot gestellt, um ihren gesetzlichen Verpflichtungen nachkommen zu können, wodurch das generelle Verbot konterkariert wird. Zusammenfassend propagiert der FSC also eine Forderung, von der er weiß, dass Zertifikatnehmer sie im Kalamitätsfall nicht einhalten können.

Tatsächlich sind von den vom FSC aufgelisteten Insektiziden52 in Deutschland heute, Stand Juli 2018, sowieso nur noch fünf Mittel zweier Wirkstoffe gesetzlich zugelassen – z. B. Karate Forst Flüssig und Fastacc Forst53. In den letzten zwei Jahren wurden in Hessens Wäldern 106,2 kg Insektizidwirkstoffe verwendet54 – für die Bewältigung einer Großkalamität. Für beispielsweise die Waldfläche des Bundeslandes Hessen von  320.000ha sind das 53,5 kg – oder 0,17 g pro Hektar pro Jahr. Die Insektizide wurden fast ausschließlich zur Borkenkäfer-Bekämpfung im Rahmen der Polterspritzung (ca. 68.000 fm = 1,56 g pro Festmeter Polterholz zum Schutz gegen holzbrütende Borkenkäfer) verwendet. Herbizide oder Fungizide werden schon lange nicht mehr eingesetzt. Bei den Rodentiziden waren es insgesamt 14,4 kg – oder auch 0,045 g pro Hektar. Zum Vergleich: Insgesamt wurden 2015/16 rund 35.000 Tonnen Pestizidwirkstoffe/Jahr in der deutschen Landwirtschaft ausgebracht.

Nach „Berechnungen des Umweltbundesamtes ergibt sich für die deutsche Landwirtschaft zurzeit ein  durchschnittlicher jährlicher Einsatz von 8,8 kg Pflanzenschutzmitteln  beziehungsweise 2,8 kg Wirkstoff je Hektar Anbaufläche (Berechnung für 2015 ohne inerte Gase, bei ca. 12,1 Millionen Hektar Ackerland und Dauerkulturen)“. Privatpersonen/Haushalte
verwenden ein Vielfaches der von Förstern eingesetzten Menge.

Hinzu kommt außerdem, dass der weitaus größte Teil des ausgebrachten Mittels im Forst mit dem behandelten Holz abgefahren wird und damit nicht im Wald beziehungsweise auf der
Fläche verbleibt. Dementsprechend ähnelt die Bewertung, dass ein gänzlicher Verzicht auf einen so geringen Insektizideinsatz als bedeutende Umweltschutzmaßnahme eingestuft werden kann, gelebter Satire.

Das Gleiche gilt für die Hochrechnung der entstehenden Kosten durch Nicht-Pestizideinsatz, sowie für die zugrunde liegende Annahme, dass ein Alternativverfahren zur Werterhaltung des betroffenen gepolterten Rundholzes problemlos möglich ist. Diskutierte Alternativen wie Lagerflächen außerhalb des Waldes sind nur sehr eingeschränkt verfügbar. Sie müssten mindestens 500m außerhalb des Waldes liegen, wodurch dann entweder
hochproduktive Acker- und Wiesenflächen, befestigte Flächen oder möglicherweise Ausgleichs- oder landwirtschaftliche Stilllegungsflächen genutzt werden müssten, die entweder gar nicht oder nur mit erheblichen Kosten zur Verfügung stehen.

Auch wird ein Großteil des Wirkstoffes mit dem Holz später aus dem Wald entfernt und mit der Verbrennung der Rinde im Sägewerk rückstandslos vernichtet. Natürlich ist der Insektizideinsatz nicht für alle Lebewesen unbedenklich64, allerdings frequentieren diese Lebewesen die gespritzten Stellen (beispielsweise in der Borkenkäferbekämpfung die Baumrinde) jedoch gar nicht beziehungsweise nur sehr selten. Hinzu kommt, dass beispielsweise Karate Forst Flüssig in einem relativ kurzen Zeitraum zu einem „ökologisch ungefährlichen Abbauprodukt“ zerfällt und „mit organischen Bestandteilen und Bodenteilchen feste Colloid-Bindungen ein[geht] und
dann im Boden, respektive Niederschlagswasser, nicht mehr mobil [ist], […] also nicht in das Grundwasser ausgewaschen werden“ kann.

Natürlich sind Pestizide trotzdem ökologisch nicht zweifelsfrei unbedenklich und sollten dementsprechend nicht leichtfertig eingesetzt werden. Dass ein Pestizideinsatz im Staatswald immer einer Genehmigung bedarf sollte einen leichtfertigen Gebrauch unserer Meinung nach jedoch ausreichend einschränken. Zudem wird nicht sachgerechter Gebrauch bereits jetzt mit relativ hohen Geldstrafen geahndet68. Dementsprechend – und wir möchten an dieser Stelle betonen, dass wir nicht aus monetären, sondern aus einer breiten ökologischen Perspektive argumentieren! – muss die Frage gestellt werden, ob es sich beim Pestizideinsatz nicht um das kleinere Übel (Ultima Ratio) handelt, da die Vernichtung lokaler Holzvorräte zwangsläufig andernorts schlimmere ökologische Folgen nach sich zieht. Am Beispiel von Mäusegiften, kann man außerdem fragen, mit welchem Aufwand (energetisch, ressourceneffizient, ökologisch, ökonomisch) neue Bäume wieder und wieder neu gezüchtet und gepflanzt werden müssen, wenn Neupflanzungen von Mäusepopulationen sofort verbissen werden, was insbesondere in
vergrasten Flächen oder in der Nähe landwirtschaftlicher Flächen besonders häufig auftritt –und ob das „nachhaltig(er)“ ist.

Vom FSC konsequent unerwähnt bleiben zudem die rechtlichen Aspekte, wie zum Beispiel mögliche Schadensersatzforderungen von benachbarten Waldbesitzern, die durch die Nichtbekämpfung von Schädlingen selbst erhebliche Schäden verzeichnen müssten. Natürlich kann argumentiert werden, dass eine Holzvernichtung trotzdem der „Vergiftung“ vorzuziehenist. Wir möchten jedoch zu bedenken geben welche Auswirkungen es hat, wenn lokale Holzvorräte nicht genutzt werden können; ausführlicher erläutert finden Sie dies im Blogartikel zur Flächenstilllegung.

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