Teil 8.4: Offener Brief Herr Schäfer-Gümbel

Unsere Reaktion auf die Rede von Herrn Schäfer-Gümbel (SPD) im hessischen Landtag.

Als pdf: Offener Brief Herr Schäfer-Gümbel

Die Rede als Video findet sich auf der Website der hessenschau.

 

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Sehr geehrter Herr Schäfer-Gümbel,

 

es freut uns, dass Sie seit unserem letzten Anschreiben scheinbar vorsichtiger geworden sind mit Lobeshymnen auf den FSC. Schade, dass Sie in einem Großteil Ihrer Rede nicht auf das Thema sondern nur auf das Publikum eingehen.

Es freut uns, dass der „Schlingerkurs […] damit zu tun [hat], dass wir Sachen zu Ende denken“. Dann besteht für uns noch Hoffnung, dass Sie am Ende dieser Überlegungen Waldschutz und Transparenz nicht dem politischen Kalkül opfern. Denn aus politischer Perspektive mag verständlich sein, dass Sie der Konflikt in der Koalition freut. Tatsächlich wäre das aber Ihre Chance, sich als glaubwürdigen und durchsetzungsfähigen Politiker zu etablieren und sich mit dem Sachverhalt auseinander zu setzen statt abzuwarten, welche Position im Hinblick auf die nächsten Wahlen günstiger erscheint. Inhalte statt Phrasen, das wäre doch mal eine angenehme Abwechslung, um die politikverdrossene Bevölkerung von Ihrer Kompetenz zu überzeugen.

Insofern stimmen wir Ihnen vollkommen zu, dass es nicht reicht, nur Kontroll- und Zertifizierungskosten zu kompensieren. Denn was tatsächlich kompensiert werden müsste, wie wir letzte Woche schon schrieben, sind die negativen Folgen auf Mensch und Natur, die mit der Zertifizierung einhergehen. Darüber, dass das weder möglich ist noch versucht werden wird, muss man sich wohl keine Illusionen machen. Es ist ja auch der grundverkehrte Ansatz.

Die Frage, die bleibt: Wer profitiert am Ende überhaupt von einer FSC-Zertifizierung? Die Grünen, weil Sie Ihre Forderung öffentlichkeitswirksam durchgesetzt haben? Am Ende ist doch der einzige Profiteur das System FSC mit seinen akkreditierten Zertifizierern, den NGOS und Universitäten (die durch ihn Drittmittel bekommen). Der Wald, den alle immer beteuern, schützen zu wollen, ist es sicher nicht!

Auch die von Ihnen angestrebte Mitgliedschaft im FSC wird hieran nichts ändern. Sie ist im Gegenteil einer der Gründe dafür, dass dieses System niemals funktionieren kann. Solange Interessenvertreter aus Politik und Wirtschaft in den „Steuerungskreisen des FSC“, wie Ihr Kollege Herr Landau es bezeichnete, mitwirken, werden Nachhaltigkeit und Naturschutz niemals im Mittelpunkt stehen. Statt den Erkenntnissen aus moderner Forschung zu folgen werden medienwirksame aber nichtfundierte Forderungen gestellt. Wir haben Ihnen das letzte Woche bereits an den Beispielen Flächenstilllegung und Rückegassenabstände erläutert. Natürlich haben Sie Recht, dass es absurd ist, dass in Osteuropa gänzlich andere Standards gelten als hier. Glückwunsch, übrigens, dass Sie bereits bis zu diesem Sachverhalt durchgedrungen sind. Es freut uns, dass zumindest ein Teil unserer Aufklärungsversuche auf fruchtbaren Boden gefallen ist. Dass das Mitwirken des Umweltministeriums oder der hessischen Landesregierung hieran etwas ändern würde, bleibt jedoch stark zu bezweifeln.

Dass eine solche Vermischung einen massiven Interessenkonflikt darstellt und dementsprechend inakzeptable ist, scheint weder die Landesregierung noch die Opposition zu stören. Wir finden diese Vermischung zutiefst schockierend und fordern Sie auf, sich hiervon klar zu distanzieren.

Im Übrigen sind die weltweit zum Teil stark unterschiedlichen Standards nicht nur aufgrund einer Wettbewerbsverzerrung für Deutschland problematisch. Sie führen auch zu Verlagerungs- bzw. Verdrängungseffekten die das genaue Gegenteil von dem bewirken, was angeblich erreicht werden soll. Wie beispielsweise den Holzimport aus borealen Primärwäldern, den wir bereits in unserem letzten Schreiben ausführlich erläutert haben.

 

Um wirklichen Naturschutz in den hessischen Wäldern zu erreichen fordern wir Sie auf:

  1. Halten Sie Ihr Versprechen, dass der „Personalabbau nicht nur gestoppt sondern Personal wieder aufgebaut wird damit nachhaltiges Wirtschaften auch weiterhin möglich ist“. Und das bedeutet: Keine FSC-Zertifizierung. Hierfür lassen sich die von Ihnen versprochenen Kompensationszahlungen hervorragend nutzen. Und Sie sparen eine Menge Geld, das nicht für eine unsinnige Zertifizierung ausgegeben werden muss.
  2. Klären Sie Ihre Kollegin Frau Feldmayer darüber auf, dass eine Tarifbezahlung für Landesbedienstete selbstverständlich ist – und keinesfalls einer FSC-Zertifizierung bedarf.
  3. Nutzen Sie die rechtlichen Grundlagen, die bereits seit Jahrzehnten in den Bundes- und Landeswaldgesetzen verankert sind, statt Ihre Verantwortung an einen Multimillionen Dollar Konzern mit Sitz in Mexiko abzugeben, der sich jeder Kontrolle entzieht.
  4. Ziehen Sie bei Ihren Bestrebungen nach einer einheitlichen Strategie für Staats-, Kommunal- und Privatwald auch die Privatwaldbesitzer mit ein, statt deren Stimmen konsequent zu ignorieren. Wussten Sie eigentlich, dass deren Ausstiegszahlen aus dem FSC seit Jahren so stark steigen, dass es so gut wie keine privaten Waldbesitzer mehr im FSC gibt? Selbst Gründungsmitglieder haben dem FSC-System inzwischen den Rücken gekehrt. Das sollte Ihnen zu denken geben.
  5. Fordern Sie Ihre Kollegen der anderen Parteien auf, Falschaussagen bezüglich des FSC und Falsch“deutungen“ des Gutachtens umgehend richtig zu stellen und von Ihren Onlinepräsenzen zu entfernen
  6. Entziehen Sie den FSC-Zertifizierungsbemühungen für den hessischen Landesforst Ihre Unterstützung. Umgehend.

 

Sie sagen, dass Sie „von nachhaltiger Waldwirtschaftsstrategie […] bisher herzlich wenig gesehen [haben].“Wir auch nicht. Und wir würden uns wirklich außerordentlich freuen, wenn sich das in naher Zukunft ändern würde. Was Sie ja versprechen. Nur bitte nicht indem Sie einer Partei folgen, die nur weil sie „grün“ im Titel trägt, noch lange nicht qualifiziert ist (und aktuell sehr anschaulich das Gegenteil beweist) die Umweltgeschicke für Hessen „allein“ zu bestimmen.

Wir sind wie immer gerne bereit weiterführende Dokumente zu liefern und uns einer Diskussion mit Ihnen oder anderen Interessierten zu stellen. Aktuelle Informationen finden Sie auch jederzeit auf unserem Blog www.fragen-an-den-fsc.de .

 

Mit freundlichen Grüßen,

Arbeitsgruppe FadFSC

 

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