Rückegassenabstände

Slideshow: Beispiele für Rückegassen

Um im Wald effizient und sicher Arbeiten verrichten zu können müssen Förster, Waldarbeiter und Maschinen in den Wald gelangen können. Hierzu werden Wege benötigt, auf denen diese fahren können. Hierzu sind bewirtschaftete Wälder von einem Wegenetz durchzogen, der sogenannten Erschließung. Diese besteht zum einen aus einem mit LKWs befahrbaren Wegenetz (Groberschließung), das dem Transport von Geräten, Maschinen, Material und Menschen, etc. in den Wald sowie der Holzabfuhr aus dem Wald dient, und andererseits aus dem Rückegassensystem (Feinerschließung) über welches das Holz aus dem Bestand an die Waldstraße gebracht
wird. Während ein mit LKWs befahrbarer Weg eine echte, befestigte Wegebaumaßnahme darstellt, sind Rückegassen einzig baumfreie Trassen in den Beständen, ohne jegliche bauliche Veränderung des Untergrundes. Rückegassen sind angelegt worden, um eine vollmechanisierte Holzernte zu ermöglichen und damit die Arbeitssicherheit und Effizienz bei der Holzernte wesentlich zu verbessern.

Der FSC-Standard schreibt vor, dass die Abstände im Feinerschließungssystem in zertifizierten Wäldern auf 40 m erhöht werden (FSC-Standard 2.3 vom 01.07.2012), beziehungsweise die Befahrung auf 10% / 13% der Fläche reduziert ist (FSC-Standard 3.0 vom 01.07.2018). Wie bereits mehrfach in unseren bisherigen Dokumenten erwähnt, halten wir diese Forderung für plakativ und in mehrfacher Hinsicht weder konsistent noch wissenschaftlich fundiert. Dementsprechend beziehen wir hier nicht spezifisch zu UNIQUEs Ausführungen zum Rückegassenabstand Stellung, sondern zum Sachverhalt allgemein. Vor der Auseinandersetzung mit inhaltlichen Aspekten dieses Themas muss zudem angemerkt werden, dass der FSC selbst und damit auch die Firma UNIQUE widersprüchliche Vorgaben hierzu formulieren. So schreibt der FSC Standard 2.3 beispielsweise vor:

„Für die bestandes- und bodenschonende Ernte und Bringung des Holzes ist ein dauerhaftes, gelände- und bestandesangepasstes Feinerschließungssystem angelegt. Der Forstbetrieb strebt dabei einen Rückegassenabstand von 40 m an. Davon notwendige Abweichungen sind vom Forstbetrieb fachlich nachvollziehbar als Ausnahme zu begründen. Ein Gassenabstand unter 20 m ist ausgeschlossen“

Gleichzeitig schreibt jedoch der Leitfaden für Praktiker, der als Ergänzung zum Standard 2.3 gesehen wird, dass:

“Bestehende Rückegassensysteme […] nach Möglichkeit integriert/erhalten werden [sollen], auch wenn diese z.B. nur einen Gassenabstand von 30 m haben“
„Die Systeme […] geländeangepasst sein [müssen], woraus sich u.U. ein dauerhaft geringerer Gassenabstand als 40m ergeben kann.“

Kaum ein Förster würde normalerweise auf die Idee kommen, in einem bestehenden Bestand das zugehörige Feinerschließungssystem zu verändern – was für die strikte Einhaltung des FSC-Stan

dards notwendig wäre (sofern auch hier keine Ausnahmegenehmigungen möglich sind, die dann wiederum die Forderung selbst überflüssig machen), denn aktuell üblich ist sind deutlich geringere Abstände. Dies bedeutet im Fall von einem bestehenden durchschnittlichen Abstand von 30m eine komplette Neuerschließung, um einen 40m-Abstand zu erreichen. Wälder sind jedoch keine Ökosysteme, die sich innerhalb weniger Wochen oder Monate entwickeln. Ein Waldzyklus dauert in Mitteleuropa mehrere Jahrhunderte (Umtriebszeit72: für Fichte 80-110 Jahre, Eiche 160-200 Jahre usw.). Dementsprechend erfolgt auch die Anlage eines Rückegassensystems immer dauerhaft auf einer Fläche, denn nur so können eine flächige Befahrung sowie entstehende Schäden minimiert und im Idealfall vermieden werden. Kurzfristige Änderungen ziehen gravierende Zerstörungen nach sich und konterkarieren dies. Dies gilt insbesondere für Experimente mit variierenden Vorgaben, wie der FSC sie gerade praktiziert. UNIQUEs Formulierung suggeriert, dass der FSC langfristig bestehende Gassennetze erfunden hätte. Das ist nicht nur falsch, sondern unterstellt dem FSC auch eine Schöpferfunktion, deren Gegenteil mit der Änderung der bestehenden Rückegassenabstände bis zur Konformität mit den FSC-Regularien der Fall ist.

Ökologisch ist die indifferente Regelung von 40m in mehrfacher Hinsicht problematisch. Eine Halbierung der verfügbaren Rückegassen bedeutet, dass über jede der verbleibenden Rückegassen die doppelte Menge Holz transportiert werden muss. Schon bei einer Bewirtschaftung mit einem Rückegassenabstand von 20m sind Bodenschäden durch die Befahrung zu beobachten – er wird verdichtet und dementsprechend schlechter durchlüftet, seine Wasserspeicherfähigkeit geht verloren, Feinwurzeln können durch den Druck abreißen… Bei einem weiteren Rückegassenabstand müssen sehr viel schwerere Maschinen eingesetzt werden, was die Regenrationsfähigkeit des Bodens nachhaltig einschränkt. Von Dritten vorgeschlagene Alternativen wie das Rücken per Pferd oder den Abtransport per Hubschrauber schonen zwar den Boden, richten dafür aber an anderer Stelle etwa   gleichschwere (wenn nicht schwerere) Schäden an. Darüber hinaus sind die anfallenden Mengen an Holz weder hinsichtlich der Quantität noch im Hinblick auf ihre Dimension (Länge und Durchmesser) vollständig durch die vorgenannten Methoden zu realisieren, geschweige denn finanziell darstellbar.

Bei der Diskussion über die „Zerstörung“ durch Harvestermuss auch in Betracht gezogen werden, dass sich aus ökologischer Perspektive aus jedem subjektiv „zerstörten“ Naturraum ein Habitat für spezielle Pflanzen und Tiere entwickeln kann. Auf den ersten Blick mögen tiefe Fahrrinnen, die durch die Ernte mit dem Harvester entstehen können, jedes Leben nachhaltig zerstören. Diese Rechnung wäre jedoch zu vereinfacht. Zwar wollen wir das Befahren mit schweren Maschinen nicht als begrüßenswert einstufen, trotzdem bleibt die Tatsache, dass das anschließend entstehende Ökosystem wiederum für andere Tier- und Pflanzenarten einen einzigartigen
Lebensraum darstellen kann. Lassen Sie uns das am Beispiel der von den NGOs gerne angeführten Gelbbauchunke verdeutlichen: Die Gelbbauchunke (Bombina variegata), die 2014 von der Deutschen Gesellschaft für
Herpetologie und Terrarienkunde zum Lurch des Jahres gekürt wurde74, bevorzugt die Fahrrinnen der Harvester als Lebensraum75. Die von den NGOs als erstrebenswert angeführte Alternative zum Harvestereinsatz, das Rücken per Pferd, ist außerdem ebenfalls diskussionswürdig. Wurde jemals untersucht, wie viele Feinwurzeln durch die Pferdehufe abgerissen werden? Schließlich dringt das Hufrund bei matschigen Böden problemlos bis in die Feinwurzelschicht ein. Zwar betrifft das „nur“ den Pferdehuf, dafür entstehen hiervon im Laufe der Arbeiten jedoch sehr viel mehr kleinere Flächen als bei der Ernte mit dem Harvester, der immer die gleiche Fläche
benutzt. Wurde jemals errechnet, wie viel Fläche und Volumen hiervon betroffen sind? Und es den Schäden durch den Harvester gegenüber gestellt? Nicht zu vergessen sind außerdem die Schäden am Boden, die durch das Schleifen von schweren Stämmen in einem schlechten Angriffswinkel (der Harvester hebt die Stämme am Fuß und zieht die Krone über den Boden, das Pferd zieht den gesamten Stamm) entstehen. Unter Berücksichtigung dieses Vergleiches: Warum werden Schäden durch die Pferde nicht einmal in Betracht gezogen?

Wir erläutern dieses Beispiel um zu verdeutlichen, dass die Diskussion wesentlich komplexer ist als auf den ersten Blick ersichtlich und immer unter Einbezug von Wissenschaft und Forschung geschehen muss.

Es gibt noch weitere Gründe, warum erweiterte Rückegassenabstände keinesfalls erstrebenswert sind. Durch eine Umstellung auf Abstände von mehr als 20m wird in vielen Fällen das motormanuellen Zufällen notwendig. Zwar versucht der FSC zu argumentieren, dass „ein weiter Rückegassenabstand Arbeitsplätze [sichert], da in diesem Fall motormanuell zumindest zugefällt werden muss“, er lässt jedoch unerwähnt, dass es sich hierbei um einen der gefährlichsten Arbeitsplätze der Bundesrepublik handelt, dessen Sicherheitsrisiko sich mit einer solchen Zufällung massiv verschärfen würde. Damit steht die Forderung nach weiteren Rückegassenabständen geltendem Arbeitsrecht entgegen. So ist nach §4 Arbeitsschutzgesetz festgelegt, dass erst über personenbezogene Maßnahmen zum Schutz der Arbeitssicherheit verhandelt werden kann, wenn sämtliche alternative, sicherere Arbeitsverfahren bereits angewendet werden:

„5. individuelle Schutzmaßnahmen sind nachranging zu anderen Maßnahmen“.

Es darf also rein rechtlich betrachtet unter keinen Umständen eine höhere Arbeitssicherheit (Gassenabstand 20m) durch eine schlechtere Arbeitssicherheit (Gassenabstand größer 20m) ersetzt werden. Dementsprechend kann und wird in der Holzwirtschaft auch aus arbeitsschutzrechtlichen Gründen (auf die wir gleich weiter eingehen), sofern aufgrund der Geomorphologie möglich, nicht von den bestehenden Rückegassenabständen abgewichen. Darüber hinaus erhöhen sich im Falle einer motormanuellen Zufällung auch die Schäden am verbleibendem Bestand.

Für uns nur sekundär von Bedeutung, für die Vollständigkeit unserer Kritik jedoch notwendig bleibt schließlich noch zu erwähnen, dass eine motormanuelle Zufällung mit deutlich höheren Erntekosten einhergeht.

In den deutschen (Bundes- und Landes-) Waldgesetzen, Geschäftsanweisungen, Ausführungsbestimmungen etc. sind bestmögliche Praktiken (im Sinne der drei Nachhaltigkeitssäulen) längst wesentlich präziser ausformuliert und umgesetzt als es im FSC-Standard der Fall ist – und selbst hier besteht noch Luft nach oben. Bis zur Erarbeitung eines umfassenden FSC-Konzeptes, das beispielsweise sämtliche Waldformationen/-situationen der Bundesrepublik (oder einer kriterienhomogenen Kategorie) berücksichtigt, nimmt der FSC billigend in Kauf, dass seine verschiedenen Experimente (hier gemeint als Begriff für sich willkürlich ändernde Ansichten
und daraus resultierende Regelungen) nicht abschätzbare Folgen nach sich ziehen. Wir bewerten dieses Verhalten als grob fahrlässig und fragen uns, inwieweit der FSC mit sozialer Verantwortung werben kann, Waldbesitzer und -arbeiter aber die Konsequenzen seiner ökologischen und sozialen Unkenntnis tragen lässt.

 

 Zur Erläuterung der den komplexen Sachzusammenhänge verweisen wir außerdem auf:
• Forsttechnische Informationen 1+2/2010, „Bodenschonung Beim Forstmaschineneinsatz“ FTI_1+2_2010-NEU_ende
• Forsttechnische Informationen 3+4/2010, „Bodenschutz“ FTI_3+4_2010_final
• Forsttechnische Informationen 9+10/2010, „1. KWF-Thementage Bodenschutz“ FTI_9+10_2010 (3)
• AFZ Der Wald Nr. 18, September 2013, „ 2. KWF-Thementage Umweltgerechte Bewirtschaftung nasser Waldstandorte“ AFZ_Thementage_komplett

• Forst & Technik 9/2017, S 20 ff „Arbeitssicherheit – Prinzip Stop

5 thoughts on “Rückegassenabstände”

    1. …… not at all. Will der Verfasser dieses Schwachsinns-Artikel etwa behaupten, dass mit 20 Meter-Rückegassen weniger Waldboden geschädigt wird, weil nur die Hälfte des Holzes über die Wege gezogen wird? Jeder der weiß welche Schäden die Befahrung mit einem Harvester im Waldboden unabhängig von der Beladung anrichtet, der weiß auch, dass jeder Quadratmeter Rückegassen ein Quadratmeter zerstörter Waldboden ist. Der 40 Meter-Abstand (hätte er in der Praxis überhaupt eine Relevanz) würde also die Fläche des geschädigten Waldbodens REDUZIEREN, und zwar um die Hälfte. Scheint als ob Forstleute den Artikel verfasst haben (Forst = Holzacker mit dem Greenwashing-Siegel “Wald”).

      1. interessanter Kommentar wahrscheinlich aus dem Klientel von Weltverbesserern , die dann in den Harvester Spuren Gelbbauchunken suchen und natürlich finden und just diese Spuren und Waldflächen unter Schutz stellen wollen. Keine Rede mehr von Bodenschäden durch Befahrung. Und höchstwahrscheinlich hat er sein Haus voll ökologisch mit Dachstuhl aus Fichtenholz, Türen, Fenstern und Treppen sowie die gesamte Möbeleinrichtung aus Holz gebaut und eingerichtet. Auch alles noch hergestellt aus einer schrecklichen Nadelbaumart, die er draußen verdammt. Diese Klientel paßt natürlich peinlichst darauf auf, daß alles verwendete Holz mit ihrem vermeintlichen Ökosiegel FSC versehen ist, um ihr Umweltgewissen zu beruhigen; nicht wissend bzw. wissen wollend, was ersatzweise im Ausland mit diesem Siegel angerichtet wird – Kahlschläge und Fahrspruren in Ausmaßen, die den Autor bei der gezeigten Reaktion wahrscheinlich ins Grab bringen würd. Vielleicht geht der Verfasser ja auch noch als Freizeit-Umweltpolizist – der deutschen liebster Beschäftigung – nach. Dann wünsch ich mal viel Spaß bei der Kröten und Unkensuche und vielleicht auch noch bei einer besinnlichen Recherche über die tats. wichtigen Dinge, die wir unseren Nachkommen hinterlassen nicht nur im schnuckeligen deutschen Ökoheim sondern v.a. auch in fernen betroffenen (Ur)Waldgebieten.
        Kleiner Tipp am Rande – google mal nach Karelien – und google mal nach, woher Dein FSC-Holz, Tetra-Pack ect. kommt – da wünsch ich jetzt schon viel Spaß u.v.a. Erfolg dabei.

        1. Alleine schon dass Sie hier den Ausdruck “Weltverbesserer” meinen benutzen zu müssen, zeigt, um was es ihnen und dieser Pseudo-Öko-Seite wirklich geht: um ihren Profil. Denn ihre Kritik an FSC ist ja nicht ganz uneigennützig, wenn der so gefakte Kunde dann zu Robinie anstatt dem Tropenholz aus Sekundärwäldern greift, rollt für sie der Rubel. Es ist ja schön, dass Sie sich um die borealen und tropischen Wäldern sorgen, weniger schön ist, dass Sie dafür unsere Wälder in Plantagen mit maschinell erntbaren Stangenbäumen umwandeln wollen. Ich will dagegen auch in Deutschland Wälder, die diesen Namen noch verdienen und nicht die Panzerübungsplätze, die so wünschenswert finden.

  1. Pingback: Offener Brief an Herrn Landau (CDU) im Anschluss an die FSC-Diskussion im hessischen Landtag – Fragen an den FSC

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