Greenpeace International beendet Mitgliedschaft im FSC!

… nach etlichen Jahren beständiger Kritik von unserer Seite und zunehmendem Druck aus der Öffentlichkeit scheint Greenpeace International endlich zu der Einsicht gelangt zu sein, dass eine weitere Unterstützung des FSC sich nicht mit Ihren Statuten vereinbaren lässt. Die originale Pressemitteilung findet sich auf der Website von Greenpeace International, eine Übersetzung unsererseits folgt in Kürze.

 

Gründe

Als Grund für den Ausstieg nennt Greenpeace International die mangelnde Transparenz und kritisiert indirekt die ineffektive Implementierung des Siegels:
“Wenn effektiv implementiert, kann der FSC die Rechte der Menschen verteidigen und die Waldbewirtschaftung verbessern, wir glauben aber nicht länger daran, dass FSC allein konsequent genug Sicherheit garantieren kann, insbesondere dann, wenn die Wälder multiplen Bedrohungen ausgesetzt sind. FSC wird nicht konsequent genug angewendet, insbesondere in Regionen mit schwacher Regierung.” (Übersetzung aus der englischprachigen originalen Pressemitteilung).

Andere, sekundäre Pressemitteilungen führen weiterhin aus:

“In Gebieten mit hohem Erhaltungswert (HCV, High Conservation Value: eine Eigendefinition des WWF, die eigentlich sämtliche Primärwälder umfassen müsste, es aber nicht tut), insbesondere intakte Moor- und Waldlandschaften (IFL, Intact Forest Landscapes) sind durch Abholzung, Trockenlegung und Ausbeutung aus Sicht von Greenpeace, neben allen anderen Holzzertifzierungssystemen, auch Gebiete mit FSC Zertifizierung in den Hoch-Risiko Ländern nicht genug geschützt.” -> 28.03.2018, Fordaq

Greenpeace geht laut Handelsblatt weiterhin soweit, den FSC als “Instrument für die Forstwirtschaft und die Gewinnung von Holz” zu bezeichnen.

 

Konsequenzen

FSC International betont, dass eine Ländergruppen (wie beispielsweise auch die in Deutschland) weiter im FSC verbleiben werden, um die “stärkere Implementierung auf nationaler Ebene voran zu treiben”. Auch wird Unternehmen weiterhin empfohlen, das FSC Siegel anzustreben, wenn nach “Frischfasern” verlangt wird, die nicht aus recycleten Quellen gewonnen werden können – und der FSC bleibt “auch in Zukunft der einzige Ansprechpartner von Greenpeace bei Zertifizierung von Wald und Holz vor allem wenn es sich um 100% FSC zertifiziertes Holz handelt und nicht aus den oben erwähnten Hoch-Risiko-Ländern kommt”. Die wohl einzige Konsequenz dieser Entscheidung ist demzufolge die Berichterstattung in der Presse, die mit zunehmender Hinterfragung der FSC-Praktiken einher geht. Von nun an kritischere Berichterstattung und/oder eine offenere Kommunikation der Schwachstellen durch Greenpeace ist höchstwahrscheinlich nicht zu erwarten.

Trotzdem liest sich die “Stellungnahme zu Forstzertifikaten und Empfehlungen für Unternehmen und Konsumenten” nun deutlich kritischer als zuvor. Das könnte tatsächlich ein guter erster Schritt in Richtung Verbraucheraufklärung sein. Außerdem bemerkenswert: Greenpeace betont ausdrücklich, dass weder der internationale Verband noch die Ländergruppen Mitglied im PEFC sind – PEFC ist verfügt “nicht über die notwendigen Grundlagen zum Schutz sozialer und ökologischer Werte […] und [dient] in erster Linie den Interessen der Holzindustrie.” (euwid)

 

Kurze Bewertung

Man kann diesen sicherlich pressewirksamen Schritt von Greenpeace als positives erstes Symbol für das Eingeständnis vergangener Fehlentscheidungen bewerten. Leider ist der Schritt wohl wirklich nur symbolisch, da Greenpeace weitere Zusammenarbeit mit dem Siegel betont und Ländergruppen weiterhin Mitglied bleiben können. Dementsprechend geht er nicht ansatzweise weit genug. Trotzdem möchten wir Greenpeace International dazu gratulieren, ein erstes Eingeständnis gemacht zu haben. Wir hoffen, dass nicht weitere 25 Jahre lang schützenswerte Wälder kahl geschlagen und tausende Menschen ausgebeutet oder betrogen werden müssen, bis sämtliche NGOs sich daran erinnern, dass ihr eigentlicher Job ist, genau das zu verhindern.

Auch unsere Kollegen von fsc-watch haben schon berichtet, der vollständige (englischsprachige) Artikel ist hier zu finden.

 

Ausführliche Stellungnahme von FadFSC

Anmerkung: wir hatten hierzu auch bereits eine Pressemitteilung veröffentlicht, die ausführlich kommentiert wurde. Diese ist unter folgendem Link zu finden, wird aufgrund der Erhaltenswürdigkeit der Kommentare jedoch nicht in diesen zusammenfassenden Artikel übernommen.

Anders als in verschiedenen Presseberichten ausgeführt, ist Greenpeace keinesfalls aus dem FSC ausgestiegen, oder hat sich gegen ihn gewendet. Es ist tatsächlich (erst einmal) „nur“ die Mitgliedschaft beendet worden. Und das betrifft unseres Wissens nach bisher auch nur Greenpeace International und nicht die Ländergruppen, die weiterhin Mitglieder bleiben können – Greenpeace International zufolge um die „stärkere Implementierung auf nationaler Ebene voran zu treiben“. Auch hat Greenpeace dem FSC nicht seine generelle Unterstützung entzogen. Im Gegenteil, der FSC soll „auch in Zukunft der einzige Ansprechpartner von Greenpeace bei Zertifizierung von Wald und Holz“ bleiben.

Doch was für Konsequenzen wird das mit sich bringen?

Der FSC wird seine Praktiken nicht ändern, sich höchstwahrscheinlich nicht einmal öffentlich zu den von Greenpeace erwähnten Kritikpunkten (mangelnde Transparenz und inkonsequente Durchsetzung) äußern. Der FSC tut, was er immer tut – schweigen, und seine „Arbeit“ wie gewohnt fortsetzen. Wenn Greenpeace den FSC weiterhin unterstützt büßen sie damit ihren Status als „Waldschutzorganisation“ ein – da ihre jetzige Lossagung dementsprechend als Öffentlichkeitsinstrument und nicht als inhaltliche Distanzierung zu bewerten ist.

Damit ist Greenpeace mitverantwortlich für (hier nur einige Beispiele/Auszüge):

  • Waldrodungen, beispielsweise um Platz zu machen für Palmölplantagen
  • Kahlschläge, vor allem in borealen Wäldern
  • Die großflächigen Totalräumungen beispielsweise in Schweden um die in Deutschland durch Flächenstilllegung fehlenden Holzmengen nach Europa zu transportieren
    • Mit all den negativen Konsequenzen, die sowohl die ökologisch deutlich schlechteren Ernte- und Verarbeitungsbedingungen als auch der lange Transport mit sich ziehen
    • (Das ist im Übrigen ein hervorragendes Beispiel dafür, wie eine Waldbewirtschaftung à la „wellmanaged“ für den FSC aussieht)
  • Die deutliche Erhöhung des Arbeitsrisikos für Waldarbeiter, beispielsweise in Deutschland
  • Die Bedrohung der , die der FSC mit wissenschaftlich unfundierten, teilweise vollkommen aus der Luft gegriffenen Forderungen in Kauf nimmt
  • Die massive Entwertung und/oder Vernichtung von Holzernten durch Insekten, die durch den Minimaleinsatz von Insektiziden verhindert werden könnte (und den damit einher gehenden ökologischen und ökonomischen Folgen bei „Ersatzlieferungen“ aus dem Ausland)
    • Wiederum ein gutes Beispiel für wissenschaftlich unfundierte Forderungen

Dementsprechend fordern wir Greenpeace auf:

  1. … sämtlichen Aktivitäten unverzüglich die Unterstützung zu entziehen, die mit „nachhaltigen“, „wellmanaged“ oder ähnlich bezeichneter Nutzung von Primärwäldern einher gehen. Primärwälder können sowohl per Definition als auch nach bisherigen wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht nachhaltig genutzt werden, da sie im Moment der Entnahme eines Baumes (mit all den Begleiterscheinungen wie beispielsweise Wegebau, Erschließung, Waldschäden durch Rückegassenabständen usw) ihren ökologischen Status des Klimaxwaldes verlieren. Im Gegenteil, bisherige Praxisbeispiele haben gezeigt, dass oft ganze Ökosysteme zusammen brechen, wenn versucht wird, einen Primärwald holzwirtschaftlich zu nutzen.
  2. … diese Tatsache aktiv wie passiv öffentlich zu kommunizieren, da scheinbar weitestgehend unbekannt ist was Primärwälder sind und warum sie nicht genutzt werden können.  -> Das ist im Übrigen, liebe Greenpeace-Arbeitsgruppen, genau eure Aufgabe!
  1. … international sowie Regional klar zu stellen, dass ein Nutzungsverzicht in temperierten Sekundär- und Tertiärwäldern niemals bedeuten kann, dass auf dieses Holz verzichtet wird, sondern dass die entsprechenden Mengen in Primärwäldern geschlagen werden, die hiermit unwiderruflich verloren gehen.
  2. … sich von den COC Labels FSC Mixed und FSC Recycled aktiv und passiv zu distanzieren und Verbraucher darüber aufzuklären, dass dementsprechend gekennzeichnete Produkt nicht eine einzige Faser „nachhaltig erzeugtes“ beziehungsweise FSC-zertifiziertes Holz enthalten muss. (Mehr hierzu in unserem Warenflussdiagramm)
  3. … klarzustellen, dass der FSC entgegen weit verbreiteter Meinung kein deutscher Verein/keine deutsche Gesellschaft ist sondern ein Konzern mit Sitz in Oaxaca, Mexiko, der unter mexikanischem Recht handelt und sich dementsprechend jeglicher Kontrolle entzieht – und bei dem sie jetzt erst, nach 25 Jahren, ihre Mitgliedschaft beendet haben.
  4. … klarzustellen, dass eine sogenannte stakeholder-Beteiligung in Primärwäldern nahezu unmöglich ist, da viele indigene Völker nach wie vor keinen Zugang zu Medien haben. Wir zitieren an dieser Stelle immer gerne Bruno Manser: „Der Wald hat kein Telefon“. Eine Abholzung ihres natürlichen Lebensraumes – unabhängig von (meist nicht erfolgten) Kompensationszahlungen oder Entschädigungen – kann nur in Ausnahmefällen im Interesse eines Volkes sein. Reale stakeholder-Beteiligung würde dementsprechend bedeuten, dass unter FSC keine Primärwaldnutzung stattfinden könnte.
  5. … von öffentlichen Beteuerungen, dass der FSC ökologisch oder nachhaltig sei in Zukunft abzusehen und vergangene Äußerungen klar zu stellen. Der FSC selbst vermeidet die Verwendung beider Begriffe seit Jahren wohlweißlich.

Weiterhin fordern wir Greenpeace auf, sämtliche Aktivitäten, die den FSC unterstützen oder ihn protegieren unverzüglich einzustellen. Die einzige Möglichkeit zur Sicherung der Legalität und Herkunft (und ausdrücklich NICHT der Nachhaltigkeit des Holzes) ist in unseren Augen eine gesetzliche Volldeklaration. Wir fordern Greenpeace auf, die Entwicklung einer solchen in Deutschland sowie weltweit zu unterstützen – und zwar auf Basis von wissenschaftlichen Standards, damit Fehler der Vergangenheit nicht wiederholt werden können! Dies beinhaltet beispielsweise:

  1. botanischer Name
  2. Handelsname, gegebenenfalls örtlicher Handelsname
  3. Ursprungs-/ Wuchsland (welches durch Isotopenanalyse mittlerweile größtenteils nachprüfbar ist)
  4. Waldformation (primär/sekundär/tertiär)
  5. Klimaregion erste und zweite Ordnung (boreal, temperiert, tropisch; alpin, kontinental,…)

… zur Nachvollziehbarkeit der Herkunft und damit einhergehenden ökologischen Folgen des Holzgebrauches für den Verbraucher.  Diese Volldeklaration muss weiterhin integraler Bestandteil der Beschaffungsrichtlinien des Bundes und der Gemeinden, sowie des Holzhandelssicherungsgesetz und der EUTR (European Timber Regulation) sein.

Wir wollen hiermit keinesfalls ein neues FSC-Siegel erschaffen sondern im Gegenteil die Verantwortung für die Legalität des Holzes von einem Privatunternehmen weg auf staatliche Kontrollverfahren übertragen, sodass ein Verstoß gegen die Volldeklaration strafrechtliche Konsequenzen nach sich ziehen würde; Sankionen waren im FSC-System nie vorgesehen und dementsprechend inkonsequent wurden und werden FSC-Regularien von zertifizierten Betrieben umgesetzt.

 

Auch Greenpeace Deutschland steigt aus!

Kurz nach dem Austritt von Greenpeace International ist auch die deutsche Ländergruppe ausgestiegen (korrekterweise: “…wird die deutsche Landesgruppe ihre Mitgliedschaft ebenfalls nicht verlängern”).

Wir zitieren den Artikel aus der swp:

“Mit dem deutschen hat sich der wichtigste Greenpeace-Landesverband zum Austritt entschieden; der größte Teil des weltweiten Spendenaufkommens stammt aus der Bundesrepublik. „Wir wollen uns konsistent verhalten“, erklärt Greenpeace-Waldbeauftragter Christoph Thies.”

Bedauerlicherweise nimmt jedoch auch Greenpeace Deutschland die Chance nicht wahr, aktive und harsche Kritik am FSC zu üben. Stattdessen scheint der “Austritt” nur nach Nachfrage bekannt gegeben worden zu sein. Auch betonen Presseartikel weiterhin die wichtige Funktion des FSC-Siegels. Wir hoffen, dass wenigstens der Austritt selbst ein klares Zeichen an Verbaucher, Industrie, Holzhändler, Umweltschutzorganisationen und alle anderen direkt oder indirekt involvierten potenziellen Unterstützer sendet.

 

Kritisches Interview mit Christoph Thies und Uwe Sayer

Die taz veröffentlichte ein Interview ihrer Autorin Hanna Gersmann mit Christoph Thies (stellvertretend für Greenpeace International) und dem FSC-Geschäftsführer Uwe Sayer.Eine erweiterte Stellungnahme von unserer Seite hoffen wir in den nächsten Tagen hier veröffentlichen zu können, bis dahin verweisen wir jedoch erst einmal nur auf den Arikel:

Taz

… und enden mit den Sätzen, der uns im Gedächtnis geblieben sind:


Uwe Sayer: “Es ist nicht die Rolle des FSC, zu entscheiden, ob in einem Wald Holz geschlagen wird oder nicht.”


Christoph Thies: “(…) machen [Sie] zumindest kenntlich, welche Produkte aus dem Urwald kommen und welche nicht. Dann gibt es ein Siegel für FSC Urwald, eins für FSC Urwald-frei.”

Uwe Sayer: “Das würde vermutlich viele Verbraucher überfordern.”


 

 

 

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